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Namibia Trennt Sich Von Deutschen Ortsbezeichnungen

Das südwestafrikanische Land hat im August, 23 Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes, Ortschaften mit deutschen Namen umbenannt und sich damit von seiner Kolonialgeschichte distanziert.

Auf der Landkarte von Namibia waren bisher Ortsnamen wie Lüderitz, Schuckmannsburg und Steinhausen zu finden – Orte mit einem deutsch klingenden Namen und einer direkten Erinnerung an die Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreiches in Afrika. Nun beschloss die namibische Regierung per Dekret im August 2013 diese Namen gegen Afrikanische auszutauschen. So wird künftig die zipfelförmige Landschaft ganz im Nordosten von Namibia, welche bisher als Caprivi-Streifen bekannt war, Sambesi heißen und trägt damit den Namen des Flusses, der das Gebiet im Norden zum Nachbarland Sambia abgrenzt. Die in der Caprivi-Region gelegene Stadt Schuckmannsburg, bekannt als ehemalige deutsch-südwestafrikanische Residenz und nach dem ehemaligen deutschen Governeur Bruno von Schuckmann benannt, erhält ihren ursprünglichen Namen Luhonono zurück. Außerdem betroffen von den Umbenennungsplänen ist die südwestafrikanische Küstenstadt Lüderitz. Sie soll von nun an „Namibia Ns genannt werden. Das Wort enthält Schriftzeichen, die sogenannten Klicklaute, aus der lokalen Khoisan-Sprache des Nama- Volksstammes und kann im deutschen nur mit Sonderzeichen wiedergegeben werden.

Empfohlen wurde die Umbenennung von einer nationalen Grenzziehungskommission, welche Anfang 2013 zusammenkam, um über die Neuregelung der Wahlbezirksgrenzen und einer damit verbunden effektiveren Verwaltung zu entscheiden. Präsident Hifikepunye Pohamba, der die Entscheidungen per Proklamation bekannt gab, war jedoch nicht auf den Widerstand in der namibischen Bevölkerung gefasst. Seit der Bekanntgabe reißt vor allem in Lüderitz die Diskussion um die Namensänderung nicht ab. Innerhalb kürzester Zeit organisierte die Bevölkerung der Kleinstadt einen Protestmarsch und formierte sich im Internet, um ihren Unmut gegen den neuen Namen deutlich zu machen. Bemerkenswert ist vor allem die Tatsache, dass nicht die deutschsprachige Bevölkerung die treibende Kraft hinter dem Widerstand ist, da sie nur einen Bruchteil der betroffenen Einwohner ausmachen. Vielmehr sind die Menschen der kleinen Hafenstadt nun eben mit dem bisherigen Namen vertraut. Auch wenn er auf die koloniale Herrschaft der Deutschen über Südwest-Afrika zurückgeht, und wollen sich an keine neue Ortsbezeichnung gewöhnen.

Der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz war es, dem die Stadt im Osten von Namibia ihren Titel verdankt. Er kaufte 1883 die von den Portugiesen „Angra Pequena“ genannte Bucht einem einheimischen Nama-Häuptling ab, da er hoffte hier auf Bodenschätze zu stoßen. Beim Verkauf überlistete Lüderitz den Stammeshäuptling auf hinterlistige Art und Weise, indem er statt der üblichen Maßangabe in englischen Meilen (1 Meile ca. 1,6 Kilometer) preußische Meilen (1 Meile ca. 7,5 Kilometer) verwendete und knöpfte dem Häuptling so fast sein gesamtes Territorium ab. Im Folgenden verhandelte der Bremer mit Reichskanzler Bismarck über militärischen Schutz um das Land gegen einen britischen Anspruch verteidigen zu können und legte damit den Grundstein für eine deutsche Kolonie im Südwesten Afrikas.

1890 erweiterte der Nachfolger von Bismarck, Reichskanzler Leo von Caprivi, die Kolonie Südwest-Afrika um 450 km, indem er mit Großbritannien einen Landtausch vornahm. Die Briten bekamen die Insel Sansibar an der Ostküste Afrikas und das Deutsche Reich die Insel Helgoland sowie einen langen und ca. 30 Kilometer breiten, weit in den afrikanischen Kontinent reichenden, Streifen Land – den heutigen Caprivi Zipfel. Der Reichskanzler hoffe durch dieses Stück Land und den angrenzenden Fluss Sambesi einen direkten Wasserweg zur deutschen Kolonie an der Ostküste zu erhalten. Allerdings scheiterte diese Hoffnung an den Viktoria-Wasserfällen, da diese mit einem Boot nicht zu passieren waren.

Die nun von der namibischen Regierungspartei SWAPO geforderte Entkolonialisierung von Orts- und Gebietsnamen, nachdem Namibia bereits vor 23 Jahren seine Unabhängigkeit erlangt hat, überrascht viele in der Bevölkerung und schürt die Befürchtung, dass weitere Orte mit deutschen Namen ebenfalls umbenannt werden. Laut dem Kulturhistoriker Andreas Vogt wäre das „kultureller Raubbau“ und zerstöre ein Stück der eigenen Identität. Neben dem kulturellen Verlust wird außerdem vor negativen wirtschaftlichen Folgen gewarnt. Besonders Vertreter der Tourismusbranche befürchten finanzielle Einbrüche. So lasse die abgelegene Stadt Lüderitz unter dem neuen Namen „Namibia Ns“ wenig Spielraum für Assoziationen und wäre besonders schwer zu googeln. Zumal sich niemand traue den Namen tatsächlich auszusprechen, da dieser, laut der deutschsprachigen Tageszeitung „Allgemeine Zeitung“ in Lüderitz, bei falscher Aussprache ein derbes Schimpfwort ergibt.

Ende August wurde in Lüderitz schließlich Entwarnung gegeben. Nach heftigen Diskussionen und Bürgerversammlungen wurde schließlich bekannt, dass die Stadt ihren Namen Lüderitz behält. Präsident Pohamba hatte sich bei der öffentlichen Bekanntgabe missverständlich ausgedrückt und den Namen „Namibas“ fälschlicherweise auch für die Stadt benutzt, obwohl nur der die Region betreffende Wahlkreis diese Bezeichnung erhalten sollte. Gleichzeitig wurde jedoch betont, dass der Prozess der Umbennenung noch nicht abgeschlossen sei, und die Regierung an ihrem Vorhaben der Entkolonialisierung festhalte. HifikepunyePohamba arbeite bereits an einem Gesetzesentwurf, der es ihm künftig möglich machen soll, Ortsnamen per Dekret zu ändern. Ob weitere namibische Städte mit kolonialen Wurzeln einen neuen Namen erhalten, bleibt also abzuwarten.

Der Caprivi-Zipfel hingegen wird wahrscheinlich auch unter seinem neuen Namen Sambesi-Region weiterhin ein Touristenmagnet bleiben. Mit seiner beeindruckenden Landschaft und aufregenden Tierwelt zieht das Gebiet vor allem Safaribegeisterte und Naturliebhaber für Namibia Reisen an. Daran wird auch der neue Name nichts ändern.

Jule

Hat Germanistik und Journalistik studiert und unterstützt Madiba.de vor allem mit Worten. Ihre Aufgabe ist es, den Blog mit allerlei Wissenswertem und spannenden Neuigkeiten aus Südafrika zu füttern. Das Land am südlichen Zipfel des afrikanischen Kontinents kennt Sie bis jetzt jedoch nur aus zweiter Hand. Aber die Natur und Kultur haben es ihr schon lange angetan und damit ist eine Reise in die Heimat der legendären „Big Five“ sicher auch nur noch eine Frage der Zeit.

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